Hallo Syrien, Hallöchen Deutschland

Nour Katab führt bei der Eröffnung am 19. Februar die Besucherinnen durch die Austellung. (Foto: Haus der Geschichte/ Werner Kuhnle)

Ich heiße Nour, bin 22 Jahre alt und Student des Bauingenieurwesens an der Hochschule in Biberach. Ich bin hier seit einem Jahr und 5 Monaten. Das war am Anfang schwierig mit dem Deutsch lernen, aber wichtig, dass man an seine Zukunft denken soll und niemals aufgeben. Das braucht nur Zeit und Geduld. Ich bin heilfroh, dass ich einen Studienplatz bekommen habe. Ich habe meine eigene Wohnung mit meiner Familie, einen Führerschein und bald ein Auto. Ich hab alles eingerichtet und es läuft genau nach Plan. Das hat mich sehr gefreut, dass ich an diesem Projekt teilnehmen durfte.

Ich möchte mich bei allen für Ihre Mühe bedanken.

Ich wünsche allen alles Gute und viel Erfolg.

Siba Naddaf: Perspektiven auf die Ausstellung

Vitrine B – Barriere, (Foto: Haus der Geschichte/Werner Kuhnle)

Mein Name ist Siba Naddaf, ich komme aus Syrien und wohne seit ungefähr drei Jahren in Stuttgart. Vor Stuttgart habe ich einen Monat lang in Karlsruhe gewohnt, in einer Asylunterkunft, wo ich als Flüchtling und Rollstuhlfahrerin eine schwere Zeit erlebt habe. Und von dem Erlebnis in Karlsruhe wurde in diesem Ausstellungsprojekt in der Vitrine B berichtet. B steht hier für Barriere. Barrieren, die ich immer noch erlebe. Was ich in Karlsruhe erlebt habe, erlebe ich leider heute noch.

Erlauben Sie mir hier, Ihnen eine kurze Geschichte zu erzählen. In Karlsruhe habe ich in einem Zimmer im ersten Stock gewohnt. Im Haus gab es einen Aufzug. Den durfte ich aber nicht verwenden. Damals war es Frühling und im Garten war alles schön. Ich wollte den Frühling genießen, wie alle andere Menschen. Ich wollte die Bäume und die Blumen im Garten sehen, und die Vögel auch. Ich konnte aber nicht. Alle konnten nachmittags in den Garten gehen, und ich bin in meinem Zimmer geblieben. Ich habe von meinem Fenster aus nur Fotos gemacht. Die dortigen Mitarbeiter durften den Fahrstuhl nutzen. Ich durfte aber nicht und das habe ich damals nicht verstanden. Das verstehe ich immer noch nicht.

Siba Naddaf und ihr Verlobter bei der Ausstellungseröffnung. (Foto: Haus der Geschichte/Werner Kuhnle)

Mein Verlobter, der vor über einem Jahr aus Syrien geflüchtet ist, und der vor allem nach Deutschland gekommen ist, weil ich in Deutschland bin, und weil wir zusammen leben wollen und endlich miteinander sein wollen, wohnt seither in einem anderen Bundesland. Am Münchner Bahnhof wurde er bei seiner Ankunft in ein anderes Bundesland verteilt, nach Nordrhein-Westfalen und er darf jetzt nicht zu mir umziehen. Sie wissen vielleicht schon, dass vor einigen Monaten neue Gesetze erlassen wurden, nach denen anerkannte Flüchtlinge nicht in ein anderes Bundesland umziehen dürfen. Klar und verständlich, dass die Gesetze erlassen worden sind, damit die neu Kommenden nicht alle in den gleichen Stadtvierteln wohnen und die Chance haben, sich gut in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und vor allem die deutsche Sprache zu erlernen. Und damit bin ich einverstanden.

Das gilt aber nicht für alle. Das gilt nicht für uns. Mein Verlobter und ich haben keine Integrationsprobleme. Ich bemühe mich, die deutsche Sprache richtig gut zu lernen und mein Verlobter auch, obwohl er noch nicht einen Deutschkurs besucht. Alles, was wir wollen, ist einfach miteinander leben zu können. Mein Verlobter wurde vor kurzem als Flüchtling anerkannt. Obwohl er schon das Amt in der persönlichen Anhörung wissen hat lassen, dass wir verlobt sind und miteinander sein wollen, wurde das nicht berücksichtigt. Statt dass er einen Bescheid bekommt, in dem steht, dass es ihm erlaubt ist, zu mir umzuziehen, hat er gleich nach der Anerkennung einen Bescheid bekommen, dass er den Wohnsitz nicht verlassen darf.

Die Situation, die ich in Karlsruhe erlebt habe, erlebe ich nun noch einmal. Jetzt wohne ich in Stuttgart allein in meiner Wohnung. Mein Verlobter wohnt seit eineinhalb Jahren in einem anderen Bundesland. Das Zusammenleben mit ihm ist der Frühling, den ich in Karlsruhe nicht genießen konnte. Der Aufzug ist auch vorhanden. Aber wir dürfen ihn wegen eines Gesetzes nicht verwenden. Der Umzug ist nicht möglich wegen eines Gesetzes. Ich darf mit meinem Verlobten nicht leben und ich verstehe das nicht. Mit Hoffnung und Mut und vor allem mit Glauben an das Menschenrecht auf Gleichberechtigung, versuche ich diese Barriere zu überschreiten und bin aller Hoffnung, dass meine Worte die Ohren derjenigen, die die Macht haben, uns zu erlauben, diesmal den Aufzug zu benutzen, erreichen.

Zum Schluss möchte ich Deutschland für alles danken, was es für uns getan hat. Ich möchte auch Frau Sophie Reinlaßöder und Frau Dr. Caroline Gritschke dafür danken, dass sie mir die Chance gaben, an diesem tollen Ausstellungsprojekt mitzumachen. Ich bin immer gerne im Haus der Geschichte und finde es das tollste Museum in Stuttgart! Ich wünsche Ihnen auch einen schönen Besuch. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Eröffnung von A bis Z ein voller Erfolg

Eröffnung im Haus der Geschichte. (Foto: Haus der Geschichte/Werner Kuhnle)

Die Ausstellungsintervention „Überlebensgeschichten von A bis Z“ ist am 19. Februar 2017 eröffnet worden. Die Projektbeteiligten Rajab Abd Almuati, Arnaud Frejus Sadio Kanouo vom Refugee Radio des Freien Radios für Stuttgart und Siba Naddaf haben in zwei Beiträgen in zwei Reden ihre Perspektiven auf das Projekt und auf die Situation von Geflüchteten in Deutschland vorgestellt. Die beiden Redakteure berichteten von den Chancen, die ihnen die selbstbestimmte Arbeit beim Refugee Radio bietet. Siba Naddaf erzählte von den Barrieren, die es als Geflüchtete in Deutschland zu überwinden gilt.

Arnaud Frejus Sadio Kanuou und Rajab Abd Almuati. (Foto: Haus der Geschichte/Werner Kuhnle)
Siba Naddaf. (Foto: Haus der Geschichte/ Werner Kuhnle)

Begleitet wurde die Eröffnungsfeier von den iranischen Musikern Keyvan Bahonar und Sasha Motaghi. Projektteilnehmer Nour Katab gab im Anschluss die erste Führung durch die Ausstellung. Der junge Syrer stellte unter anderem auch die Vitrine Z wie Zulassung vor, die von seinen Bemühungen um einen Studienplatz in Deutschland erzählt.

Nour Katab führt durch die Ausstellung. (Foto: Haus der Geschichte/Werner Kuhnle)
Projektbeteiligter Bahram Danesh mit dem Ausstellungskatalog „Überlebensgeschichten von A Bis Z“. (Foto: Haus der Geschichte/Werner Kuhnle)

Projektbeteiligte aus Stuttgart, Loßburg, Ochsenhausen oder Weissach haben den Weg auf sich genommen, um bei der Eröffnung der Ausstellung dabei sein zu können. So hatten die Besucher die Möglichkeit die Menschen hinter den Vitrinen kennenzulernen und Fragen zu stellen. Viele Projektteilnehmerinnen tauschten sich über ihre Mitarbeit an der Ausstellung aus oder nutzten die Möglichkeit das Haus der Geschichte näher kennenzulernen. So saßen die meisten Besucherinnen und Projektbeteiligten im Anschluss an die offizielle Eröffnung noch lange bei lebhaften Gesprächen zusammen.

Besucherinnen vor der Vitrine U – Untergehen. (Foto: Haus der Geschichte/Werner Kuhnle)

 

 

Ein Blick hinter die Kulissen: Die Exponate ziehen ein

Mit dem Glassauger wird die Vitrine geöffnet. (Foto: Haus der Geschichte)
Vorbereitungen. (Foto: Haus der Geschichte)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ende Januar 2017: Der Aufbau der Ausstellung „Überlebens-geschichten“ im Haus der Geschichte begann und zwar zunächst mit dem Ausräumen des bisherigen Baden-Württemberg-ABCs. Mit einem Glassauger, einem Kran mit vier Saugnäpfen, wurden die schweren Glashauben der Vitrinen angehoben und anschließend vorsichtig die bisherigen ABC-Objekte herausgeholt.

Schon seit mehreren Wochen hatten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Abteilungen Sammlung und Medientechnik Tonaufnahmen und Bilder bearbeitet, Sockel und Halterungen gestaltet und überlegt wie die Objekte präsentiert werden sollen. Eine knifflige Aufgabe bei einem breiten Rollstuhl, einem zwei Meter langen Transparent und einer klitzekleinen SIM-Karte. Für ein Objekt, das somalische Kleid in Vitrine D, wurde gleich eine neue, höhere Glashaube benötigt, um es in voller Länge zeigen zu können.

Allerlei Gerätschaften waren für den Aufbau notwendig: vom Maßstab über den Fensterwischer bis zum Zahnarzt-Messer. Der Aufbau fand während der Schließzeiten statt, und es wurde an allen Ecken und Enden parallel gearbeitet. Während das Sammlungsteam die Sockel vorbereitete, öffneten die Handwerker bereits die nächsten Vitrinen, das Reinigungspersonal sorgte für streifenfreien Glanz und die Techniker kümmerten sich um das Licht, den Ton und die Bilder.

Nach und nach wurden die wertvollen Exponate vorsichtig mit weißen Handschuhen aus ihren Kartons geholt und auf durchsichtige Sockel gestellt, in Gläser gefüllt oder mit Hilfe von Figurinen in Form gebracht und auf Ständern aufgehängt.

Das somalische Kleid für die Vitrine D – Dhar. (Foto: Haus der Geschichte)
Der Fußballpokal für die Vitrine W – Wohnen wird auf einem Sockel befestigt. (Foto: Haus der Geschichte)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es wurde genau abgemessen, wo der Fußballpokal in der Vitrine W und das Gemälde in Vitrine U stehen sollen, der Chador mehrfach gefaltet bis er perfekt lag, die Figurine mit Polstern versehen, damit das Kleid in Vitrine D gut sitzt und der Imkerhut in Vitrine V so gehängt, dass die Besucherin sich vorstellen kann, wie man ihn trägt und nutzt. Zuletzt rückte dann wieder der Glassauger an, um die fertige Vitrine zu schließen. Welche Geschichten die Objekte in den neu gestalteten Vitrinen erzählen, können die Besucher bei der Eröffnung der Ausstellungsintervention am 19. Februar um 14 Uhr herausfinden!